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Windy Patagonia

Die Nacht verlief komplikationslos und ich fror zum Glück nicht, hatte aber auch die dicke Weste, Socken und die lange Jogginghose an. Ich fühlte mich zumindest etwas fitter und das Gefühl vom kalten Rücken war weg. Ich war ja nicht wirklich krank, einfach nur zach. Also entweder hatte der Zaubertrank geholfen, die etwas längere Nachtruhe oder die Kombination von beidem. Egal wichtig war, ich war wieder fit genug und motiviert zum Autofahren, denn Alex hatte zu arbeiten. Wir befanden uns wieder im Niemandsland und ich muss sagen, so schön die Anden sind, so karg ist der Rest von Argentinien, zumindest der Teil, den wir hier im Süden zu Gesicht bekommen haben. Also hier gefällts mir nicht so besonders, vor allem weils auch so riesig ist. Ein kleines Stück würde ich okay finden, aber hier findet man ja Kilometerweit wirklich gar nichts, nicht mal einen Baum. Dementsprechend könnt ihr euch auch vorstellen, dass hier wieder der Wind geblasen hat, aber so richtig. Also ich traue mich nun zu sagen, dass wir mit dem patagonischen Wind Bekanntschaft gemacht haben. Ich wählte heute extra die etwas längere Route, um eine schlecht präparierte Schotterpiste zu umfahren, da ich das so in einem Reiseführer gelesen hatte. So konnten wir auch nochmal eine Tankstelle kurz vor der Grenze nutzen. In diesem “Ort” Esperanza, wenn man es überhaupt als so einen bezeichnen kann, gab es gefühlt nichts außer dieser Tankstelle. Der Tankwart versteckte sich selbst im Innengebäude aufgrund des starken Windes und kam nur zur Bedienung heraus. Hier wurde nämlich immer vom Personal getankt. Wir versuchten wieder Mal unseren Reservekanister anzufüllen, da nun länger keine Tankstelle in Aussicht war, doch er meinte, wir würden mit der Polizei Probleme bekommen. Das könnte spannend werden, ob wir mit Kowalskis kleiner Reichweite von nicht mal 700km durchkommen würden. Es hieß also spritsparend fahren. Ich hielt dann trotz des starken Windes noch vor der Grenze zu Chile an, da wir ja unser Obst noch verspeisen mussten. Sonst würde es uns wieder abgenommen werden. Ich versuchte mich etwas hinter einem Hügel zu verstecken, was auch nicht viel half. Ich hatte echt zu tun die Autotüre überhaupt aufzubekommen. Dementsprechend aßen wir dann beide unsere Obstbowl im Innenraum. Wir hatten jetzt noch Yoghurt und etwas Butter über, die wir eigentlich nicht nach Chile einführen dürften, mal schauen wie das hier abläuft.

Es handelte sich wieder um einen ganz kleinen Grenzübergang. Die Ausreise aus Argentinien verlief komplikationslos, die Angestellten sprachen hier sogar Englisch. Bei der Einreise in Chile ging es wieder genauer zu. Von der Weite konnten wir schon beobachten, wie ein Spürhund in den Gepäckbereich des vor uns fahrenden Reisebusses gehoben wurde. Das könnte spannend werden. Die Schlange für die Migrationskontrolle war aufgrund des Reisebusses ewig lange, aber sie verlief problemlos. Wir mussten wieder ein Quartier in Chile angeben, ich nahm einfach irgendeinen Campingplatz im nächsten Nationalpark. Dann war die Agrarkontrolle an der Reihe. Hier mussten die Einreisenden wirklich teilweise ihre Koffer aus den Autos holen und durch einen Scanner wie am Flughafen beim Securitycheck durchlassen. Wir brauchten gar keine Worte wechseln, unsere Blicke sagten alles. Wir hatten beide 0 Bock die Koffer aus dem Auto zu holen. Außerdem wurden hier teilweise auch Schokolade und Souvenirs abgenommen. Ich hatte echt schon etwas Angst, da ich essbare Souvenirs in Argentinien geshoppt hatte. Der Kontrolleur kam auf uns zu, sah sich unser ausgefülltes Formular an, wo wir natürlich nicht angegeben hatten, dass wir Agrarware mitführen würden. Dann meinte er, er wolle das Auto sehen. Er warf wirklich nur kurz einen Blick hinein, einen auf die Rückbank und einen hinten in den Schlafbereich und das wars. Wir mussten kein Gepäck ausräumen, es wurde nichts durchsucht und wir konnten weiterfahren. Wir sprangen beide schnell ins Auto und fuhren weg von der Kontrollstelle, bevor es ihnen doch noch anders einfällt. Erst ein paar Meter danach hielt ich an, um das Navi wieder zu aktivieren und zu checken, ob wir ohne Tankstelle durch den Nationalpark durchkommen würden, sonst müssten wir nämlich jetzt noch einen Umweg nehmen. Laut meinen Berechnungen sollte es sich ausgehen. Alex hatte ja gemeint, dass gleich nach der Grenze ein Supermarkt wäre. Tja dieser Supermarkt war so eine Art Minimarkt, aber wir bekamen zumindest Wasser, Salami für Alex, etwas Käse, Erbsen in Tetrapacks, Bananen und Birnen. Leider war die Auswahl von frischem Gemüse auf Erdäpfel, Zwiebeln und Tomaten beschränkt. Mit dem hatte ich keine Freude und verweigerte den Kauf. Dann müssten wir mit dem abgepackten Zeug die nächsten Tage durchkommen.

Weniger Kilometer nach der Grenze hatten wir dann schon den Nationalpark Torres del Paine erreicht. Großteils waren wir hier wieder auf Schotterstraßen unterwegs. Unser erster Halt war die Laguna Azul, wo die Anfahrt wirklich holprig von statten ging. Die ausgewaschene Straße hatte hier ordentliche Löcher hinterlassen. Wir hielten kurz und ich konnte ein Magellan-Gänse-Paar mit sechs Jungen beobachten. Die waren wirklich mega süß, die Mutter schnatterte sobald man sich zu nah näherte, der Vater hingegen blieb immer relaxed. Die Gänsefamilie gab mir wirklich ein tolles Fotomotiv, da sie sich genau vorm Wahrzeichen dieses Nationalparks platzierten und zwar den drei Granitspitzen, Torre Sur, Central und Norte. Torres del Paine bedeutet übrigens “Türme des blauen Himmels”. Ich bin schon gespannt, ob wir sie noch mit blauem Hintergrund zu Gesicht bekommen. Denn heute versteckten sie sich etwas in den Wolken. Auch ein Guanako wagte sich direkt vor uns über die Straße. In solch Safarimomenten vermisse ich immer etwas Jones, unseremn Guide damals in Uganda.

Wir trafen hier auch auf ein deutsches Paar, die schon seit 18 Monaten mit einem LKW-artigen Wohnmobil von Kanada über Mexiko bis nach Chile unterwegs waren. Sie kamen gerade von der Antarktis retour. Ihre Erzählungen hatten deutschen Charakter, zuerst wird mal das Negative berichtet: wie die Pinguinscheiße wie die Pest stinke und somit auch das ganze Gewand, in der Drakepassage hätten sie 9-10 Meter hohe Wellen von allen Seiten gehabt und natürlich wäre es zu teuer gewesen. Zum Glück erzählten sie dann auch noch von ein paar schönen Momenten mit Orkas. Sie hätten aber 10 Jahre in den USA gelebt und somit auch schon genug Wale gesehen. Ich dachte mir nur, bitte versaut mir nicht meine Vorfreude. Einmal wäre der Kapitän auch in wirkliches Eisgewässer gefahren, wo man das Eis am Schiffsbug knacken hörte. Das wäre schon ein tolles Erlebnis gewesen. Na ich bin gespannt, ich lasse mir meine Vorfreude trotzdem nicht nehmen, und dass Federvieh nun mal stinkt, dass ist für mich nicht neu. Hühnerdreck stinkt ja auch wie die Pest im Vergleich zu Pferde- oder Rindermist. Sie erzählten auch noch vom Rest ihrer Reise, dass sie bei der Überquerung des Panamakanals 8 Wochen Zeit verloren hätten, ihnen mal die Hinterachse gebrochen wäre und sie somit 3 Tage am Straßenrand verbringen mussten. Sie hätten aber überall auf freundliche hilfsbereite Menschen getroffen und keine einzige schlechte Erfahrung gemacht, nur Peru wäre bis Lima etwas dreckig gewesen. Als nächstes würden sie Richtung Uruguay fahren, um dort den “Camper” unterzustellen und mal wieder nach Deutschland zu fliegen. Schon beeindruckend wie die beiden Pensionisten herumreisen. Ich dachte mir nur, die beiden müssen sich echt gern haben, wenn sie es 18 Monate 24/7 miteinander aushalten, aber vielleicht wird man im Alter ja gelassener. Die deutsche Dame meinte noch, dass es morgen aufklaren sollte. Das wäre ja echt toll für unsere Wanderung zur Basis der Granittürme.

Alex und ich machten unseren Weg dann weiter Richtung Cascada Rio Paine, eine Art kleiner Wasserfall.

Dann fuhren wir noch zur Laguna Amaraga, wo uns wieder der Wind fast verblies. Diese war für Touristen abgesperrt, ein Herr aus einem Reisebus versuchte uns auf spanisch zu erklären, dass wir nicht näher rangehen durften. Soweit ich verstanden habe, wird hier irgendwas untersucht, da die Laguna mit irgendwas kontaminiert wurde oder so in die Richtung.

Wir hielten uns nicht lange auf und machten unseren Weg weiter zum Ausgangspunkt der morgigen Wanderung, da sich dort auch ein Campingplatz befinden sollte. Hier im Park wird das Wildcampen nämlich nicht gerne gesehen und ich wollte mich auf keinen Fall mit chilenischen Rangern anlegen, wo ich dann vielleicht auch kein Wort verstehen würde. Ich hatte im Vorhinein versucht, Campingplätze anzuschreiben, aber von niemandem wirklich eine Antwort erhalten. In dem ganzen Nationalpark gibt es ohnehin scheinbar nur drei, die auch Campervans akzeptierten. Dort wo die Wanderung startet, gibt es ein riesiges Hotel, dem das ganze Areal dort zu gehören scheint. Auf jeden Fall durften wir dort nicht campen und wurden wieder auf die Laguna Azul verwiesen. Schön und gut, wäre uns im Normalfall ja auch egal, nur bedeutet das, wieder einige Kilometer mehr und wir waren ja gerade etwas begrenzt mit unserem Tank. Ich berechnete also nochmals, ob wir auskommen würden und prinzipiell sollte es passen, doch recht viel Umwege dürfen wir nicht mehr machen. Also fuhren wir zurück zur Laguna Azul, checkten dort am Campingplatz ein und parkten uns neben unsere deutschen Freunde von vorhin. Auf der anderen Seite parkten Kanadier mit denen wir uns auch kurz unterhielten. Sie kamen aus British Columbia, wo ich vor 2,5 Jahren auch schon mal unterwegs war. Wir hatten uns absichtlich zwischen die beiden Camper geparkt, um etwas windgeschützter zu sein. Also für patagonische Witterungsbedingungen ist Kowalski eigentlich nicht das richtige Fahrzeug. Outdoorküche und Zeltaufbau verlieren echt ihren Reiz bei solchen Windböen, aber so etwas lernt man nur, wenn man hier war. Zum Abendessen gab’s mal wieder Wraps mit Chillifüllung ohne Fleisch natürlich. Normalerweise hat das jetzt immer für zwei Tage gerreicht, aber Alex schien es diesmal so zu schmecken, dass er die ganze Füllung verputzt. Dann können meine vegetarischen Kochkünste ja doch nicht so schlecht sein. Ich schrieb dann noch an meinem Blog, denn ich hatte einiges zum Nachholen, da mir die letzten Tage die Energie dazu etwas fehlte, während Alex bald zu Bett ging. Morgen steht dann die letzte mehrstündige Wanderung für unsere Reise an, 1000 Höhenmeter zur Basis der Türme. Drückt uns die Daumen für gute Sichtbedingungen.

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