Kurz vor 6 Uhr war heute Tagwache, denn wir dürften auf keinen Fall unseren Bus nach Ushuaia – ans Ende der Welt (Fin del Mundo) verpassen. Wir packten unsere Taschen fertig, checkten aus und gingen zu Fuß komplett angepackt zum Busbahnhof. Heute wollte ich gar nicht aus dem Bett, aber wir hatten dann ja 10 Stunden Zeit Schlaf nachzuholen. Kurz nach 7:00 Uhr checkten wir beim Bus ein, wobei auch gleich unsere Pässe kontrolliert wurden. Denn wir hatten wieder mal eine Grenzkontrolle vor uns. Nachdem Prozedere fuhr bald der Bus vor, der ein Milodon aufgemalt hatte.



Wir waren die ersten Passagiere, die einstiegen. Unser Gepäck wurde im Gepäckraum verstaut. Die Sitzplätze befanden sich in der vorletzten Reihe. Alex war begeistert von der Beinfreiheit und auch Sandwiches und eine Wasserflasche wurde pro Sitzplatz verteilt. Der Bus wirkte neu, sauber und gemütlich. Es gab sogar kostenloses Wlan, was es für Alex möglich machte zu arbeiten. Obwohl das WC direkt neben uns war, verlief die komplette Fahrt relativ ruhig. Wir starteten mit nicht einmal halb voller Besetzung, nach einer Stunde stiegen noch einige Leute zu, aber voll waren wir bis am Ende nicht.


Nun hatten wir 10 Stunden Fahrt vor uns, die wir unterschiedlich nutzten, Alex zu Beginn zum Arbeiten, dann zum Schlafen. Ich wechselte zwischen schlafen, Fotos aussortieren und lesen. Der erste Teil der Strecke deckte sich 1:1 mit der von der Pinguintour zwei Tage zuvor. Wir fuhren auch an der selben Fährstelle mit dem Bus über die Magellanstraße. Heute wirkte die See weit ruhiger. Nun befanden wir uns wieder auf Feuerland. Dieses Gebiet trägt diesen Namen übrigens, da damals Magellan zahlreiche Feuer an der Küste sah, welche von den Einheimischen entzündet worden waren. Ich konnte zahlreiche Guanakos, Schafe und auch ein paar Nandus während der Fahrt beobachten. Meine Begeisterung für die Landschaft hier, hält sich noch immer in Grenzen. Dieses Steppenartige gefällt mir nicht so besonders, es hat für mich irgendwie einen Charakter vom Ende der Welt, aber auf das fuhren wir ja eigentlich auch zu, also vielleicht doch passend.


Als nächstes stoppten wir dann an der Grenze zu Argentinien und noch einmal gab es das ganze Prozedere, welches wir nun schon gut kannten. In Chile beim PDI einmal abmelden und in Argentinien wieder anmelden. Mein Reisepass ist eigentlich komplett neu und hat nach dieser Reise vermutlich mehr Stempel als mein Vorheriger in den letzten 10 Jahren gesammelt hatte. Kleiner Sidefact: Alex Reisepass war seit dem ersten Grenzübergang in meiner Obhut, damit er nicht mehr Abhanden kommen konnte. Hier kontrollierten sogar die Argentinier das Gepäck der Autos, das hatten wir bisher nur von den Chilenen gekannt, unseren Bus aber ließen sie ohne Kontrolle durchfahren.

Wir hatten für die Busfahrt Obst, Nüsse, Kekse, ich meine Proteinriegel und Alex seine Sandwiches. Nach dem Grenzübergang fuhren wir ein Stück an der Küste entlang, was das Landschaftsbild schon weit schöner machte. Doch als wir immer südlicher kamen, ging mein Herz wieder auf. Dieser Teil erinnerte mich stark an Milford-Sound, ein Fjord im Süden Neuseelands. Wir sahen wieder Berge mit Schnee, von denen kleine Wasserfälle herab kamen und grüne Wälder. Ich muss das Zitat jetzt einfach kurz los werden, das schwirrt mir seit diesem Moment im Kopf herum, genau so wie Bilbo sagte: “Ich will wieder Berge sehen, Gandalf, Berge”. So fühlte ich mich heute. Ich geb es zu, kleiner Herr der Ringe Nerd und stolz drauf. Leider habe ich kein Bild davon, da die Scheibe des Busses so dreckig war, dass es nichts genützt hätte.


Kurz nach 18:00 Uhr erreichten wir das Ende der Welt – Ushuaia. Die Stadt begrüßte uns mit freundlichem Sonnenschein und angenehmen 10 Grad. Nachdem wir ausgestiegen waren, wanderten wir mit unserem Gepäck zum Hotel. Ja wir wanderten, denn es ist hier sehr hügelig, zu vergleichen mit Seattle oder Lissabon. Das war mit unserem Gepäck nicht so lustig, könnte morgen jedoch witzig werden. Ich meinte zu Alex so, du stellst dich morgen einfach unten hin und ich lass dir die Koffer zu rollen. Wir nächtigten heute eher in einem Hostel, aber mit Privatzimmer. Zu meinen Freuden gab es endlich ein Bett für mich alleine. Es war zwar nicht besonders groß, aber der Platz gehörte mir alleine.


Das Zimmer war sonst allgemein sehr klein, so dass das Ausbreiten unserer Koffer eine kleine Herausforderung darstellte, aber wir blieben ja nur eine Nacht. Wir liefen anschließend noch etwas in Ushuaia herum. Am Hafen wagten wir einen Blick auf die Schiffe, konnten unseres aber nicht entdecken. Danach liefen wir von Souvenirshop zu Souvenirshop, wobei die hier echt nicht Touristenfreundlich sind. In jedem Shop haben sie andere Preise, eingekauft haben wir noch nicht, das machen wir dann wenn wir wieder vom Schiff herunter sind. Denn da hatte ich noch einen Abschlusstag in Ushuaia eingeplant, um keinen Stress bei der Abreise zu haben. Also marschierten wir bei Sonnenuntergang zurück ins Hotel.




Morgen müssen wir um 16:00 Uhr beim Hafen sein, wo das Einchecken fürs Schiff beginnt, um 18:00 Uhr ist dann Abfahrt Richtung Antarktis. Ich kann es noch gar nicht glauben, dass es jetzt endlich so weit ist. Ehrlich gesagt hatte ich echt Schiss, dass wir nicht rechtzeitig hier herunten ankommen, weil mir nicht klar war, ob das mit dem Bus alles klappen würde. Beim Buchen des Busse stand extra, man solle zwei Tage davor den Zeitplan nochmal checken, ob sich eh nichts geändert hat. Ich war heilfroh, als wir im Bus saßen und den Fährteil hinter uns gebracht hatten. Momentan habe ich gemischte Gefühle für morgen, einerseits riesige Vorfreude auf ein neues Abenteuer, anderseits Respekt davor 11 Tage auf einem Schiff “eingesperrt” zu sein. Ja ihr lest richtig, eingesperrt. Die letzten Tage ist mir der Gedanke immer wieder mal hoch gekommen, du bist da ja dann einfach so 11 Tage auf hoher See, bedeutet auch totalen Kontrollverlust bzw. Kontrollabgabe, so wie im Flugzeug. Das ist ja bekanntlich nicht meine Stärke, aber so Moves aus der Comfortzone bringen IMMER die schönsten Erlebnisse hervor. Also gehe ich da morgen auch etwas mit Anspannung aufs Boot. Heute kamen mir noch so Gedanken wie, wie viel Verpflegung und Treibstoff die an Bord haben müssen, denn ich denke einen Supermarkt oder eine Tankstelle werden wir wohl nicht anfahren. Außerdem muss ich ehrlich gestehen bin ich vielleicht nach den drei Wochen auch schon etwas müde oder besser gesagt reisemüde. Ich denke die ganzen Eindrücke, die die letzten Wochen auf uns eingeprasselt sind, gehören einfach verarbeitet und das geht halt momentan nicht, da schon das nächste Abenteuer auf uns wartet. Zum Glück haben wir noch zwei Tage bis wir wirklich in der Antarktis anlanden. Denn zuerst musste die Drake Passage überwunden werden. Das wird auch noch spannend, eines der wildesten Gewässer, das befahren werden kann. Aber wenn man an die abgelegensten Stellen der Welt möchte, um die Natur zu beobachten, muss man gewisse Umstände in Kauf nehmen. Weiters bin ich schon sehr gespannt, wie es uns mit der Seekrankheit geht und welche anderen Passagiere wir noch antreffen werden. Abschließend bin ich mir nicht sicher, ob ich ab morgen noch regelmäßig posten kann, da wir möglicherweise kein Internet zur Verfügung haben. Das alles werde ich sonst aber nachholen.


PS: Die Vorfreude übertrumpft aber alle anderen Gefühle, also keine Sorge 🙂




