Kaum verhält sich der Wind eine Nacht ruhig, frieren wir uns wieder den Arsch ab, 5 Grad hat es in der Früh angezeigt. Ich freue mich jetzt echt schon auf ein beheiztes Hotelzimmer und eine beheizte Schiffskabine. Ich schlafe zwar zu Hause auch im Winter teilweise mit offenem Fenster, aber das hier ist echt nochmal eine andere Nummer. Dafür war heute wieder der schönste Tag und der Wind verhielt sich zumindest morgens ruhig. Das Aufstehen kostet einem aber bei den Temperaturen echt etwas Überwindung. Wir packten alles rasch zusammen und fuhren zum ca. 20 Minuten entfernten Pier, von wo aus unsere heutige Tour starten sollte. Es gab für jeden von uns heute ein Highlight, für mich ein sportliches/tierisches, für Alex eine kulinarisches.


Am Pier angekommen, wartete schon das Boot auf uns. Um Punkt 9:00 Uhr legten wir mit 16 anderen Insassen ab. Das Boot brachte uns auf eine Ranch, Estancia La Peninsula. Wir befanden uns hier in einem Fjord, der Last Hope also letzte Hoffnung genannt wird. Der Name kommt davon, dass er die Hoffnung zur Durchfahrt vom Pazifik zur Magellanstraße darstellte. Früher trug die nahegelegene Stadt Puerto Natales einen wichtigen Teil zum Export in Chile bei. Heute hat sie nur noch touristischen Wert, da der Export nur noch von der gut 200km entfernten Stadt Punta Arenas erfolgt. Die Ranch, auf die wir uns nach einer guten halben Stunde Fahrt annäherten, besaß stolze 18500 Hektar Fläche, für mich war die Größe einfach unvorstellbar. Ein Großteil dieser war jedoch unbenutzt, da das Land nicht fruchtbar bzw. zugänglich genug ist. Wir fuhren auch an einer Insel vorbei, die Guanako Island genannt wird. Laut unserem Guide, Violeta, wurde damals dort genau 1 Guanako entdeckt und daher kam der Name.



Auf der Ranch angekommen, gab es zur Begrüßung einen kleinen Snack, der aus einem süßen Brötchen mit Marmeladen bestand. Es schmeckte super lecker, fast wie ein Bauernkrapfen, die Marmeladen waren Rhabarber und ich glaube eine Art Kriecherl. Dann teilte sich die Gruppe auf, ein Teil entschied sich für eine Wanderung, der andere Teil ging rüber zum Stall. Ja, es war wieder mal an der Zeit auf dem Rücken eines Pferdes die Gegend zu erkunden, also Zeit für einen Perspektivenwechsel und Alex aus seiner Comfortzone zu locken, denn das war erst das zweite Mal für ihn, wobei er sich an das erste Mal als Kind nicht mehr erinnern konnte und wie er so schön sagte, wer daneben mit der “Leine” ging, also zählt das ja nicht wirklich.







Die Pferde warteten schon alle auf uns. Wir bekamen Helme und Chaps als Schutzausrüstung. Nach einer kurzen Einführung, stiegen wir auch schon nach der Reihe auf die Pferde auf. Ich bekam eine Stute, deren Namen ich mir jedoch nicht merken konnte. Sie war super gemütlich, ließ sich nicht wirklich antreiben, aber war auch nicht ungut in der Gruppe zu den anderen Tieren. Manch anderen durfte man nämlich nicht zu nahe kommen, traten sie schon aus. Alex Pferd versuchte die ganze Zeit zu fressen, irgendwie bekommen meine Reisebegleiter immer die verfressenen Pferde.



Nachdem alle im Sattel waren, ritten wir aus der Ranch hinaus Richtung Fjord. Unzählige Vögel konnten wir während der Tour beobachten, ob im Wasser oder an Land. Der Weg führte dann durch einen kleinen windgeschützteren Wald den Berg hoch. Es waren sicher fünf Guides für die ganze Gruppe mit, die sich gut verteilten und uns im Überblick behielten. Alex machte das fürs erste Mal echt gut und hatte nur kurz Angst, als wir mal ein Stück bergab unterwegs waren.




Am Berg angekommen, genossen wir zumindest kurz die Aussicht auf die Anden mit Fjord im Vordergrund, ein malerisches Bild. Der Wind wehte hier aber ziemlich kräftig, so dass wir bald wieder den Rückweg antraten. Einer der Guides war aus der Schweiz, mit ihr wechselte ich kurz ein paar Worte. Sie arbeitet hier für ein Monat. Ich war froh, dass ich heute wieder mehrere Schichten übereinander trug, so war der Ausflug ein total schöner Moment. Mit der Reittour letztes Jahr in Irland kann er zwar nicht mit, aber er schafft es unter die Top 5.






Nach gut 2,5 Stunden waren wir wieder bei der Ranch angelangt und stiegen von den Pferden ab, wobei eine Dame beim Absteigen vom Pferd fiel. Ich sah sie nur noch am Boden sitzen, scheinbar war sie nicht den Anweisungen der Guides gefolgt, sie tat sich aber zum Glück nicht weh. Nachdem wir die Ausrüstung abgelegt hatten, marschierten wir ins Hauptgebäude der Estancia. Dort schnappten wir uns ein Glas Wein und gingen damit zum Grillplatz. Von der Weite sahen wir schon Alex Highlight des Tages hängen, ein gegrilltes Lamm.


Man nennt das auch Lamm am Stecken, welches unter einem mit Lenga-Holz brennenden Feuer vor sich hin schmolz. Lenga-Holz zählt zu Hartholz und verbrennt somit ganz langsam. In Chile wird dem Lamm nur Salz und Wasser beigefügt. Der Prozess dauert 4-5 Stunden bis es fertig ist. Das Alter des Lamms betrug 4 Monate. Wir konnten dem Grillmeister zusehen, wie er es zerlegte. Anschließend wurde das Fleisch herum gereicht, ich passte. Alex genoss es hingegen. Auch aus einer Weinflasche, die die Form eines Schafmagens hatte, tranken wir alle der Reihe nach. Man dürfe es nicht abschlagen, wenn man die Flasche angeboten bekommt, das gehöre sich nicht. Früher bestand die Flasche scheinbar wirklich aus einem Schafsmagen, ich bin ja froh, dass ich in unserer Zeit geboren bin.









Nachdem der Grillmeister alles zerlegt hatte, trug Violeta das restliche Fleisch in einer Eisenwanne nach innen. Dort war schon für unser Mittagessen angerichtet. Während wir den Salat als Vorspeise verspeisten, wurde das Fleisch nochmal warm gemacht. Ich bekam statt Lamm, eine Art Gemüseintopf, der geschmacklich echt gut war. Alex gönnte sich eine Portion Fleisch nach der anderen. Sie kamen nämlich immer wieder mit Nachschub. Ich meinte so zu ihm, jetzt kann er den Fleischentzug der letzten 2,5 Wochen nachholen und er so, da müsste er ja das ganze Lamm essen. Ich dachte mir, so viel Fleisch habe ich mein ganzes Leben wahrscheinlich noch nicht gegessen. Zur Nachspeise gab es noch eine Art Panna Cotta würde ich sagen, nur nicht so süß und ich vermute mit Dulce de Leche, also so eine Art Karamell-Soße. Den Karamellteil ließ ich übrig, das trifft nicht ganz meinen Geschmack.





Nach dem echt ausgiebigen Mittagessen wurde uns noch das Zusammentreiben der Schafe gezeigt und erklärt. Einer der Guides hatte sie mit zwei Hunden und seinem Pferd herbei geholt. Auf der Farm gibt es 3000 Schafe. Bei der Herde ist normalerweise ein Herdenschutzhund mit dabei, welcher die natürlichen Feinde, wie Pumas, fern halten soll. Ansonsten würden die Schafe nach einander gerissen werden. Als Hirtenhunde werden hier keine Border-Collies oder Australian Sheperds verwendet, sondern eine chilenische Rasse, deren Namen ich mir leider nicht merken konnte. Sie hören alle auf verschiedene Pfeiffkommandos und treiben so die Schafe herum.




Wir folgten dann der Herde Richtung Stall, wo wir einen Schurprozess gezeigt bekamen. Davor gabs aber noch ordentlich viele Infos. Schafe sind Herdentiere und mögen keinen Stress. Deshalb bleiben sie immer beisammen, sobald sie sich vor etwas fürchten, drehen sie demjenigen den Rücken zu. Auch wenn der Wind stark geht, drehen sie ihr Hinterteil in die Richtung, von wo dieser kommt. Die Schafe werden zum Schurprozess in das Stallinnere getrieben, wo in diesem Fall drei Schurplätze waren, somit teilte sich die große Box auf drei kleinere auf, damit jeder Schafscherer seine eigenen Tiere bekam.


Über unterschiedliche farbliche Rückenmarkierungen können die Tiere unterschieden werden, in männlich, tragend und Jungtier. Die Schafscherer werden pro Schaf bezahlt, deshalb arbeiten sie natürlich so schnell wie möglich. Es gibt auch Wettkämpfe, wobei die schnellsten pro Schaf nur 28 Sekunden benötigen. Die Schafe werden normalerweise einmal im Jahr im Sommer geschoren. Im Sommer einerseits aufgrund der Temperaturen und andererseits, da die Tiere hier tragend waren und so mehr Futter aufnahmen und das mit mehr Wolle einfach unangenehmer sei. Würden die Tiere nicht geschert werden, wäre das ihr Tod, da die Wolle nicht aufhört zu wachsen. Anhand der Zähne kann man das Alter der Tiere bestimmen, die Zähne nehmen bis zu 4 Jahren zu. Dann besitzen sie 8 Zähne, die sich mit der Zeit abnutzen oder ausfallen. Wenn ein Tier aufgrund des Alters nicht mehr ordentlich Nahrung aufnehmen kann, wird es verkauft. Auch altes Schurwerkzeug wurde uns gezeigt.


Bei den Schafen, die wir heute zu Gesicht bekamen, handelte es sich um die Rasse Karakul. Dies ist eine Fleischrasse. Nach dem Schurprozess konnten wir noch die Klassifizierung/Beurteilung der Wolle, auch weißes Gold genannt, ansehen. Auf einem Tisch wird sie ausgebreitet und die Farbe, die Stärke und die Länge der Fasern beurteilt. Auch eine Kontrolle auf Parasiten erfolgt. Die Länge der Fasern soll 4 Fingerbreit betragen, wobei das ein interessantes Maß ist, denn meine 4 Finger sind bestimmt weniger breit als die des Schafscherers. Wenn sie diese Länge überschreiten, wurde das Tier zumindest 1 Jahr nicht geschoren. Schwarze Punkte deuten auf Parasiten, viel Stress oder schlechtes Futter hin. Nachdem die Wolle mit selber Klassifizierung mehrerer Tiere zusammengepackt wurde, wird eine Probe davon nach Neuseeland verschickt. Dort erfolgt die Beurteilung. Es dürfen nämlich keine menschlichen Haare oder andere Fasern beigemischt sein, sonst fällt die Qualitätskontrolle durch. Warum Neuseeland? Da diese den Standard vorgeben. Darum gibt es hier herinnen auch eigene Schuhe, die getragen werden müssen und keine Besen mit Borsten, sondern nur aus Plastik. Es dauert also schon mal 1 Jahr einen Haufen Wolle zu produzieren und dann nochmal ein halbes Jahr bis das Ergebnis aus Neuseeland kommt, erst dann ist die Wolle fertig zum Verkauf. Ein Haufen hat den Wert von ca. 17 US-Dollar.





Wir bekamen auch den Unterschied zu einem Merinowollhaufen gezeigt. Bei Merinowolle werden noch vier unterschiedlichen Klassifikationen unterschieden. Auch den unterschiedlichen Ölanteil (Lanolin) konnten wir fühlen. Der Großteil der Wolle wird übrigens nach China exportiert, da die Verarbeitung im eigenen Land zu teuer wäre. Achja und nasses Fleece kann man verwerfen. Es muss trocken geschoren werden. Wenn das Schaf nass ist, muss es sich bewegen, damit es wieder trocken wird. Das Fleece nach der Schur zu trocknen, funktioniert scheinbar nicht. Am letzten Bild ist eine Öffnung zu einem Tunnel zu sehen, dort kommen die geschorenen Schafe hinein, um sich an die Temperatur anzupassen, bevor es wieder nach draußen geht. Die Schafe sind den Prozess gewöhnt und wirken echt ruhig.





Anschließend ging es wieder zurück ins Hauptgebäude und kurz danach mit dem Boot retour ans Festland. Ein neuer Vogel kam uns auch noch zu Gesicht. Der ganze Tag ist super schnell vergangen und war sehr informativ. Ich habe ja schon zwei Mal bei Schafschuren in Irland zugesehen, aber so viele Details wurden damals nicht geteilt.



Zurück bei Kowalski ging es nochmal kurz nach Puerto Natales, wo ich den Künstlermarkt noch besuchen wollte. Der hatte uns jedoch dann beide nicht überzeugt, also fuhren wir Richtung Punta Arenas weiter. Die letzten 250Kilometer mit Kowalski, denn dort sollten wir ihn dann am Donnerstag zurück geben. Ich fuhr, Alex arbeitete. Am Straßenrand konnte ich noch ganz nah ein paar Nandus beobachten. Außerdem wurden wir von einem sehr freundlichen entgegenkommendem Busfahrer darauf hingewiesen die Geschwindigkeit zu verringern, da die Polizisten mit dem Radar standen, so eine Geldstrafe konnten wir jetzt am Schluss auch nicht mehr gebrauchen.


Für eine Umfrage musste ich auch noch stoppen, irgendwie ganz eigenartig. Ich dachte schon, wir müssen schon wieder über die Grenze. Aber der Herr wollte nur wissen, von wo wir kommen, wo wir hinfahren, welche Nationalität wir haben und unser Alter. Das natürlich alles in Spanisch, denn Englisch sprach er nicht, aber die paar Fragen verstand ich. Kurz vor Punta Arenas stoppten wir an einer riesigen Campingfläche, die gratis zu sein schien. Sie teilte sich in sechs Zonen auf, wo sogar ein paar Bäume und Lagerfeuerstellen verteilt waren. Alex fuhr dann alles ab auf der Suche nach einem windgeschützen Platz. Schlussendlich landeten wir dann direkt mit Blick aufs Meer unterhalb eines Hügels, mal schauen wie sich der Wind verhält.

Wir aßen dann noch in der Fahrerkabine ein paar Snacks als Abendessen mit Blick aufs Meer. Anschließend schrieb ich an meinem Blog total angepackt, denn die Temperaturen in Kowalski waren alles andere als angenehm. Der Wind verhält sich momentan ruhig, aber es ist trotzdem echt arschkalt hier herinnen. Die letzten Tage lag die Höchstgeschwindigkeit des Windes bei bis zu 90km/h, damit ihr euch was vorstellen könnt. Heute Nacht werden die Thermosocken ausgepackt und doppelte Montur angezogen, nur noch zwei Nächte, dann gibts endlich ein Hotelzimmer. Achja morgen starten wir ganz früh, da eine Ganztagestour ansteht.






