Die Nacht verlief zur Abwechslung der letzten Nächte mal ohne Vorkommnisse. Außer, dass ich mir beim Schlafen gehen meinen Platz erkämpfen musste, da Alex quer übers ganze Bett lag. Gegen die Lärmbelästigung der Heizungsgeräusche wirkte ich mit meiner Schlafplaylist und Airpods entgegen. Der Wecker klingelte zwar schon um halb 6, da hörte ich aber den Regen ordentlich aufs Dach tropfen. Somit hielt sich meine Aufstehmotivation etwas in Grenzen. Auch der Blick aus dem Fenster ließ diese nicht steigen. Alex meinte sowieso gleich, da brauchen wir heute gar nicht wandern gehen. Der Regen hatte aber gestoppt und die Temperaturen waren akzeptabel, also ließ mein Steinbock-Herz keine Ausreden gelten. Was würden wir denn sonst machen – in Kowalski rumchillen bzw. für Alex hieß das dann wohl arbeiten und er sollte ja auch mal komplett abschalten können. Also überzeugte ich ihn die geplante Wanderung durchzuziehen, seine Begeisterung hielt sich zwar echt in Grenzen, aber wir bewegten uns nachdem wir alles zusammengepackt hatten, Richtung Parkplatz, von wo aus die Wanderung starten sollte. Einen freudigen Moment hatte ich dann auch noch, als ich den Motor von Kowalski startete, leuchtete die Motorkontrollleuchte nicht mehr. Somit hatte sich dieses Problem von selbst gelöst.
Gegen 8:00 Uhr gingen wir dann los, es sollten heute 23km, gut 900 Höhenmeter und 8,5h werden. Das Höhenprofil der Strecke war so aufgebaut, dass wir zu Beginn gleich mal stetig bergauf wanderten bis zu Kilometer 3, dann ging es ewig lange fast eben dahin und der letzte Kilometer hatte es dann in sich, 400 Höhenmeter auf diese Distanz. Obwohl laut meiner Smartwatch waren es fast 2 Kilometer, da haben sich die Argentinier etwas verhaut. Ich kam mir vor, wie bei meinem Physiotrainer, wenn es heißt 20 Kniebeugen, er mitzählt und dann einfach auf 30 erhöht.




Der Weg verlief großteils im Wald, wobei ich die Bäume hier echt speziell finde. Die Blätter sind so winzig klein, irgendwie Bonsaiartig, sehen fast aus wie Buchenblätter, aber die Baumrinde passt mir nicht ganz dazu. Laut meiner Tante handelt es sich wirklich um eine Lenga-Südbuche.



Auch hier wurden die Kilometer wieder per Taferl angezeigt. Nach gut 4 Kilometern hatten wir die Laguna Capri erreicht, wo wir die erste kurze Pause einlegten. Die Sicht war heute echt beschränkt. Der Nebel hing in den Bergen. Dafür hatten wir optimale Wandertemperaturen.

Die Strecke verlief auch durch ein Sumpfgebiet und neben einem Fluss mit riesigem Flussbett. Die Wanderwege sind super gut beschildert. Immer wieder wanderten wir durch Camps, wo wir einige Zelter und auch auf andere Menschen trafen. Wir waren also nicht die einzigen, die bei diesen Witterungsbedingungen vor die Türe gingen. Alex meinte dann entlang des Weges so, wir werden eh nur bis zur Laguna Capri gehen, weil wir sehen ja sowieso nichts. Da kennt er meinen Ehrgeiz zu schlecht, ich sah das heute ja mehr als eine Sporteinheit, denn mit der Hoffnung auf eine schöne Aussicht, hatte ich schon abgeschlossen und die Sporteinheit wird immer bis zum Schluss durchgezogen.




Doch der letzte Kilometer bzw. fast 2 Kilometer haben es dann schon echt in Sich gehabt. Es ging einfach eine Schotterrietsche mit teilweise riesigen Steinen steil bergauf. Oben angekommen war die Sicht komplett weg und wir standen direkt im Nebel. Dort hat es uns nicht lange gehalten. Schnell den Bauch mit ein paar Snacks gefüllt und wieder abwärts. Runter war der Weg noch weniger lustig, aber wir haben es geschafft. Mittlerweile bin ich sehr froh über die Trekkingstöcke, die ich mir von meinen Eltern geliehen habe. Vor allem bei so rutschigem steilen Gelände sind die wirklich von Vorteil.




Am Rückweg fing es wirklich plötzlich zum Aufreißen an, so wie es auch der Wetterbericht vorhergesagt hatte. Jedoch sollte es erst gegen 18:00 sonnig werden und das wäre ohnehin zu spät gewesen für uns. Wir konnten dann sogar noch einen Blick auf einen Gletscher erhaschen und legten zwei Cookiepausen mit Ausblick ein, einmal auf den Gletscher und einmal auf das Tal in dem El Chalten liegt. In Summe war ich echt froh, dass wir da oben waren, auch wenn wir nicht viel gesehen haben, aber den Körper mal zwei Tage hintereinander auspowern tut zumindest mir echt gut, ob Alex das auch so sieht, bezweifle ich.





Bei der Laguna Capri hielten wir am Rückweg auch nochmal kurz, wo wir wieder ein paar Vögel beobachten konnten. Laut meiner Tante, mein Biologie-Joker handelt es sich um einen Morgenammer und einen Karakara (Geierfalken). Ich habe noch zu Alex gesagt, der sieht aus wie ein Geier, da war ich ja gar nicht so schlecht dabei.


Zurück bei Kowalski fuhren wir zu unserem Campingplatz der letzten beiden Nächte um zu duschen. Wir bezahlten umgerechnet fast 8 Euro pro Person. Somit war mir klar, die Haare müssen auch gewaschen werden, damit sich das auszahlt. Wir versuchten dann mal wieder Geld abzuheben, das wiederum nicht klappte, die argentinischen Banken schienen unsere Karten einfach nicht zu mögen. In einem kleinen Supermarkt besorgten wir noch das notwendigste und dann hieß es ab nach El Calafate. Meinen Knöchel durfte ich wohl etwas beleidigt haben, der freut sich gerade über kein Schuhwerk, ich hoffe das ändert sich über Nacht.
Bei strahlend blauem Himmel verließen wir El Chalten und konnten im Rückspiegel noch lange das Bergpanorama bewundern, da die Straßen hier echt ewig gerade aus gehen ohne Kurven, fast wie in Kanada. Ich hielt kurz vor Sonnenuntergang entlang der Straße mit Blick auf See und Bergpanorama, um zu kochen. Alex arbeitete in der Zwischenzeit die wichtigsten Dinge ab. Heute gab es wieder Gemüsenudeln, die mir diesmal echt super gelungen sind oder es war vielleicht der Hunger vom vielen Wandern der letzten Tage.



Wie man sieht war unsere Wäsche noch immer nicht trocken, mir kommt es jetzt schon vor wie die Heuernte in Irland. Da bleibt das Heu auch eine Woche lang liegen, weil es dauernd wieder angeregnet wird. Mal schauen wie oft ich meine Wäsche noch herumräume, denn durch die holprigen Schotterstraßen bleibt sie während der Fahrt leider nicht so hängen, wie ich mir das vorstelle. Wir setzten genau bei Sonnenuntergang unsere Fahrt fort. Der Himmel spielte alle Farben, von hellblau über zartrosa bis zu allen möglichen Orangentönen. Mit dem Auto zu fahren, gute Musik zu hören, den Himmel und das Bergpanorama zu bestaunen, momentan konnte ich mein Glück kaum fassen. Nun hatte ich endlich das Gefühl richtig in Südamerika angekommen zu sein und mental auch komplett von der Arbeit abgeschalten zu haben. Scheinbar muss ich mich so richtig auspowern, um ins Gefühl zu kommen. Kurz hatte ich sogar Freudentränen in den Augen und Gänsehaut am Rücken. Ich werde wohl für immer das Mädchen bleiben, dass vom Farbenspiel des Himmels bei Sonnenaufgängen und -untergängen begeistert ist. Also momentan kann ich mir nicht vorstellen in 3,5 Wochen wieder heimzufliegen.


In El Calafate tankten wir und stoppten kurz nach der Stadt an unserem Schlafplatz. Ein Feldweg, der parallel zur Hauptstraße verlief, endete mit einem weiteren Schotterplatz direkt neben einem Fluss. Dort parkte ich mich neben einem anderen Campervan ein, gar nicht so einfach in der Dunkelheit. Ich befestigte meine noch immer feuchte Wäsche neu und schrieb meinen Blog, während Alex schon zu Bett ging. Mittlerweile haben wir uns auch schon gut eingespielt. 24/7 aufeinander kleben, ist für uns beide nicht einfach. Wir sind ja beide single und es momentan nicht gewohnt, so viel Zeit mit ein und derselben Person zu verbringen. Natürlich rieten wir in den ersten Tagen etwas aneinander, wie das halt mal so ist bei Reisen. In Summe klappt es aber denke ich sehr gut. Andere Menschen hingegen brauche ich gerade gar nicht, ich genieße echt die Ruhe und Einsamkeit, die wir hier in Patagonien finden. Am Campingplatz wollte ich nicht mal die allgemeine Küche benutzen, da ich meine Ruhe haben wollte. Da muss ich mich in zwei Wochen, wenn wir dann mit dem Schiff in die Antarktis schippern wohl etwas umstellen. Aber manche Erlebnisse gehen halt nur gemeinsam mit anderen Menschen und auch das hat seine Berechtigung. Bin schon gespannt, wen wir auf diesem Teil der Reise dann aller kennen lernen dürfen. Morgen steht schon die erste kleine Bootstour an, seit gespannt wo es hingeht.




