Die Nacht war für den Wellengang ganz okay. Damit ihr euch was darunter vorstellen könnt, ich bin eigentlich Bauch- oder Seitenschläfer, auf den Rücken lege ich mir nur, wenn ich krank bin und nicht ordentlich Luft bekomme. Wenn das Schiff hier pausenlos von einer in die andere Richtung schwankt, kann man nicht auf der Seite liegen, da es einen sonst dauernd von einem Eck im Bett ins andere wirft. Folgedessen ist hier die einfach sinnvollste Variante im Rücken zu schlafen, da kommt man auch besser in den Flow des Schiffes. Wenn es ganz heftig ist, stelle ich mir immer vor, ich lege auf deiner Luftmatratze im offenen Meer.
Ich war schon vor 5 Uhr munter und bemerkte, dass das Schiff ganz ruhig war. Als hätte ich es gespürt, kam kurz danach die Meldung von Martin durch den Lautsprecher, dass wir in 12 Minuten den Polarkreis passieren würden. So schnell springe ich sonst nur bei meinen Rufbereitschaftseinsätzen aus dem Bett. Ich zog das notwendigste an und war schon am Weg zur Brücke, wo sich noch kein anderer Passagier befand. Nur Adrian und Martin, die miteinander quatschten. Schön langsam wurde es dann voller und schlussendlich befanden sich vielleicht 20 Leute heroben, als wir 66 Grad 33.46 also den südlichen Polarkreis passierten. Ein magischer Moment für mich, hatte ich mir nicht erst vor 3 Monaten eine Tätowierung am Oberarm machen lassen mit 3 durchgängigen Ringen: Äquator, südlicher und nördlicher Polarkreis. Auf den Ringen befinden sich die jeweiligen Tiere bzw. Landschaftsprägungen, die mir dort wichtig waren. Somit war mein großes Ziel diese Grenze zu überqueren. Außerdem hatte ich damals vor 4 Jahren mit Alex den nördlichen Polarkreis bezwungen, passte perfekt, dass wir nun auch den südlichen geschafft hatten. Draußen war aber außer Nebel und einem Wal, der uns noch begrüßte, nicht viel außer Eisberge zu sehen. Echt bewundernswert, wie die Offiziere und der Kapitän uns hier durchmanövrieren.




Wir gingen anschließend nochmal kurz ins Bett, bevor es um 6:30 Uhr Zeit fürs Frühstück war. Heute beschloss ich mehr zu frühstücken, falls die beiden anderen Essen nicht so großartig ausfallen würden. Übrigens läuft das im Speisesaal immer so ab, dass man sich beim Eintreten die Hände desinfizieren muss. Beim Eingang wartet meist schon Carla, die Chefin des Servicepersonals, mit einem Handspender mit Desinfektionsmittel. Anschließend besteht freie Platzwahl, wobei wir beim Frühstück normal immer am selben Tisch bei Sabrina saßen. Zu den beiden anderen Zeiten ändern wir immer unsere Plätze und auch unsere Sitznachbarn. Auf den meisten Tischen finden vier Personen Platz, vereinzelt gibt es Zweiertische. Wie bereits erwähnt, das Frühstück ist als Buffet aufgebaut, mittags und abends gibt es immer zwei bis drei Gänge. Also während der Drake Passage waren es zwei, seither sind es immer drei. Die Vorspeise steht im Normalfall schon am Tisch. Während wir diese verspeisen geht Carla von Tisch zu Tisch und befragt jeden, ob der Hauptgang okay sei oder man die vegetarische Alternative möchte. Auch wenn man sonst irgendwelche Änderungswünsche hätte, könnte man das nun bei ihr kundtun. Das Menü hing auch immer ab einem bestimmten Zeitpunkt vor der Speisesaaltür aus. Innerhalb einer Stunde waren wir immer alle abgefüttert, egal wie viel das Schiff wankte. Das Personal hier macht wirklich einen großartigen Job. Zurück zum Frühstück, die Auswahl besteht aus Schinken, Käse, Eierspeise, gebratenem Speck, verschiedenen Yoghurts, Marmeladen, Butter, kleinen Croissants, Obst (Melonen und Ananas), Müsli, Nüssen, Säften und Toastbrotscheiben. Natürlich gab es auch Tee und Kaffee. Also eigentlich alles was man so braucht.
Beim Frühstück noch erhielten wir die Meldung, dass es Verzögerungen bezüglich dem ersten Landepunkt auf Detaille Island geben würde. Momentan wäre der Wind und somit auch der Wellengang zu stark. Also konnte keine sicher Überfahrt in den Zodiacs gewährleistet werden. Wir würden kurz abwarten, ob sich die Bedingungen bessern. Dann wird nochmal neu entschieden. Während dieser Zeit marschierte ich auf die Brücke, um mir ein Bild von der Lage zu machen. Der Außenbereich war nämlich noch immer abgesperrt. Von oben konnte man wirklich sehen, dass die Wellen für Zodiac Fahrten zu stark waren. Nach 30 Minuten kam die Botschaft, dass dieser Landgang leider abgesagt werden musste aufgrund der Witterungsbedingungen. Somit war unser nächstes Ziel Prospect Point, unser kontinentales Landing. Kurz herrschte etwas Enttäuschung, dass wir keinen Fuß an Land setzen konnten südlich des Polarkreises, diese sollte aber im Laufe des Tages noch verfliegen. Wir verweilten noch eine Zeit auf der Brücke und bestaunten die Eisberge um uns herum. Mit Hilfe von einem Radar, welches über Schallwellen funktioniert, können sie die Größe der Eisberge einschätzen und dementsprechend agieren. Nachts gab es auch extra jemanden, der sich um die Außenlichtanlage des Schiffes kümmerte und dem Anlaufen der Fenster innen entgegen half. Das Kapitänsteam allgemein war super nett und relativ jung würde ich sagen. Sie beantworteten, wenn Zeit war, all unsere Fragen. Man kam sich hier vor, wie ein großer Teil einer Familie zu sein. Adrian war mir aber trotzdem am liebsten, der hat so eine offene herzliche Art.




Außerdem erfuhren wir, dass wir scheinbar während des Drake Shakes doch bis zu 50 Grad Neigung in beide Richtungen hatten. Ab 55 Grad Neigung droht das Schiff zu kentern. In der zweiten Nacht als die Schwankungen so extrem waren, stand scheinbar das ganze Offiziersteam parat, um zu entscheiden, wie sie weiter vorgehen würden. Man könnte Lebensmittel umlagern, um mehr Stabilität zu gewinnen oder den Kurs etwas abändern. Zum Glück beruhigte sich das Wetter schlussendlich doch. Diese Nachricht stimmte mich nicht sehr zuversichtlich für die Rückfahrt, aber das Team ist so bemüht und ich fühle mich hier definitiv besser aufgehoben als im Flieger von Barcelona nach Santiago de Chile. Es gibt sogar Scheibenwischer hier.

Hier noch ein kleiner Einblick ins tägliche Schiffsleben. Jeden Tag bekommen wir einen Tagesbericht, wo der Zeitplan und die Aktivitäten enthalten sind. Auch der Speiseplan wird kurz vorm Essen ausgehängt. Außerdem wird er immer mit einem Spruch und einem Cartoon aufgepeppt. Ein Bild von unserer sehr massiven großen Dusche und unserer Heizung.




Dieser “eingesperrt sein” im Schiff aufgrund der Witterungsbedingungen im Außenbereich gefällt mir jedoch gar nicht. Ich verstehe es vollkommen, um eine sichere Fahrt zu gewährleisten, denn es gibt sicher genug wahnsinnige Menschen, die waghalsiges Verhalten an den Tag legen. Aber ich fühle mich hier dann doch etwas in meiner Freiheit beraubt. Die zwei Tage in der Drake Passage waren schon hart und jetzt schon wieder, das löste leicht klaustrophobische Ängste in mir aus. Ich marschierte also zurück ins Zimmer und nützte die Zeit für meinen Blog. Der Wellengang war zumindest soweit akzeptabel, dass ich schreiben konnte.
Gegen 10:00 Uhr passierten wir erneut den südlichen Polarkreis, nun waren wir wieder nördlich davon. Die Antarktis ist ja jetzt nicht gerade das Top Reiseziel für den normalen Urlauber, dementsprechend wenige Personen haben diesen Kontinent bisher betreten. Den südlichen Polarkreis haben noch weit weniger überquert, da hierfür ein bestimmtes Zeitfenster notwendig ist. Es darf nämlich nicht zu viel Eis vorhanden sein. Somit weiß man im vorhinein auch nicht was einen erwartet und ob eine Fahrt soweit südlich überhaupt möglich ist. Der südlichste Punkt, den wir erreicht hatten war 66 Grad 51, danach wendete das Schiff wieder. Mittlerweile kam ich mir immer mehr vor, wie auf der Titanic.




Nach der Überquerung wurde uns die Zeit mit einem geschichtlichen Vortrag vertrieben. Dabei ging es um Adrien de Gerlache und seiner ersten Expeditionsfahrt in die Antarktis, welche im Jahre 1897 erfolgte. Sein Team bestand aus Zoologen, Geologen, Navigatoren, Astronomen, Entdeckern und einem Arzt, welcher kostenlos dem Team beitrat. Unter ihnen war auch Roald Amundsen, der schlussendlich 1911 als erster Mensch den Südpol erreicht hatte. Mit einem umgebauten Walfangfisch, welches sie eissicher gemacht hatten, fuhren sie los. Jedoch wurden sie mit ihrem Schiff, der Belgica, im Eis gefangen. Ein Jahr lang mussten sie auf einem sich bewegenden Stück Eis ausharren. Dabei passierten die kuriosesten Dinge, da das gesamte Team mit diversen Mangelerscheinungen zu kämpfen hatte. Als sie schlussendlich doch wieder zu Hause ankamen, wollte sich keiner von ihnen jemals mehr wieder sehen. So viel zu dem 24/7 aufeinander kleben, von dem halte ich ohnehin nicht viel. Damals in die Antarktis zu fahren, war wie heute zum Mond zu fliegen. Es entstand damals auch das erste unter Wasser Bild, sowie Fotos von Pinguinen. Diese mussten aber angebunden werden, damit sie still standen, da das Fotographie Equipment nicht mit dem heutigen verglichen werden kann. Auch die Lichttherapie zur Stimmungshebung fand hier möglicherweise ihren Ursprung. Täglich wurde ein Feuer entzündet, um die im Eis gefangenen bei Laune zu halten, da im Winter in der Antarktis die Sonne nicht aufgeht. Ein kurzer Film von den ersten Antarktis Reisenden wurde uns auch noch gezeigt. Dieser war aus dem Jahr 1958, man kann sich vorstellen, welchen Menschen weltweit das Privileg zu ehren war auf so eine Reise zu gehen. Da spielte Geld sicher eine große Rolle. Noch ein erschreckender Fakt für mich, 97% der Blauwale wurden aufgrund ihres Öls, welches als Brennstoff diente, getötet, bis endlich Kerosin entdeckt wurde.



Bald nach dem Vortag war es Zeit fürs Mittagessen, zur Abwechslung mal ohne Tofu. Kartoffelauflauf als Vorspeise, Kichererbseneintopf als Hauptgang und Heidelbeerkuchen als Nachspeise. Wir saßen uns wieder zu den Südtirolern, wobei wir das dann doch etwas bereuten. Alex sprach das ganze Essen fast nichts und wir hatten bald alle gängigen Themen durch: Fußball, Politik, Kultur,.. etc. Alles keine Gesprächsthemen für Alex. Bei Fußball bin ich ja noch gut mitgekommen, aber als es dann um die österreichische Politik ging, haben wir beide nicht viel sagen können. Das war doch schon etwas peinlich, aber diese interessiert uns halt beide echt null. Ich fand ja noch witzig, dass der normale Hauptgang heute Chilenischer Black Pudding war und ich habe ihnen allen gesagt, dass das eine “Blunzn” sein wird, aber wollte mir ja keiner glauben. Als ihr Essen dann aufgetischt wurde, waren sie alle nicht sonderlich begeistert davon. Mein Eintopf hingegen war eines der besten Gerichte, die sie bisher serviert hatten. Danach legten wir uns kurz hin und sogar ich schlief ein.



Das mit der Müdigkeit ist hier so eine Sache, wenn du nicht an Deck oder Land darfst und in dem Schiff gefühlt eingesperrt bist und nicht viel machen kannst, da wirst du zwangsweise einfach müde. Dieses “Nichts tun” ist einfach nicht wirklich was für mich. In der Antarktis musst du aber damit rechnen, dass nicht immer alles nach Plan läuft und nicht alle Anlandungen möglich sind. Man kennt die Eisbedingungen vorab nicht und auch die Witterungsbedingungen können sich ganz rasch ändern. Nachdem Martin den Wetterbericht für unsere Antarktiswoche bekommen hatte, dachten sie sich schon alle möglichen Alternativprogramme aus, um uns bei Laune zu halten, da dieser echt alles andere als berauschend war. Zum Glück hatte sich der Kapitän diesmal bisher etwas verschätzt oder die Antarktis hat es sich einfach anders mit uns überlegt. Denn gestern waren wir schon echt glücklich, mit Sonne und blauem Himmel die Pinguinkolonie zu erleben. Auch die Überquerung des südlichen Polarkreises war nicht selbstverständlich, ganz wenige Schiffe wagen diesen Schritt überhaupt.

Am Nachmittag wurden wir endlich wieder an Deck gelassen, was ich sofort ausnutzte, um frische Luft zu schnappen.



Nun war der Moment endlich gekommen, unser kontinentaler Landgang wurde bestätigt. Gegen 16:00 Uhr würden wir das Festland der Antarktis betreten. Wieder gut eingepackt ging es zu den Zodiacs und mit diesen wirklich an Land. Hier war deutlich mehr schwimmendes Eis unterwegs als bei der gestrigen Anlandung. Einfach atemberaubend durch dieses durchzufahren.


An Land hatten wir gut eine Stunde Zeit um den besagten Prospect Point, auf dem einmal eine britische Station stand, zu erkunden. Es gab hier auch einen Gletscher zu beobachten und an der Küste entdeckten wir Adelie Pinguine. Auch Muscheln entdeckte ich am Boden.







Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen mit österreichsicher Flagge ein Bild zu machen. Dies war immerhin mein letzter neuer Kontinent und vermutlich würde ich hier keinen Fuß mehr darauf setzen. Sebastian, einer der Deutschen, meinte nur: “eh klar die Österreicher müssen wieder ein Land einnehmen”.



Als wir mit den Zodiacs zurück waren, erhielten wir die freudige Botschaft, dass es heute noch ein Event geben würde und zwar Zodiac Ausfahrten. Zuvor wurde noch mit Champanger am Deck gemeinsam mit allen Passagieren und der Crew auf die erfolgreiche Überquerung des Südpolarkreises angestoßen. Das Ganze geschah bei Sonnenschein und blauem Himmel, unglaublich, wenn man bedenkt, wie der Himmel heute Morgen ausgesehen hat. Sogar der Kapitän stieß mit jedem persönlich an. Er sieht übrigens so aus, wie man sich den klassischen Piloten vorstellt und hat auch eine sehr angenehme ruhige Ausstrahlung.







Bei den Zodiac-Fahrten wurden wir ja in zwei Gruppen aufgeteilt, unsere war als erstes an der Reihe. In den letzten Tagen hatte sich bei uns eine Gruppe entwickelt, bestehend aus Jasmin, Fabio, Sebastian, Alex und mir. Also entschieden wir auch gemeinsam aufs Boot zu gehen. Sabrina, eine weitere Deutsche, der taiwanesische Arzt und ein weiterer Asiate gesellten sich noch zu uns dazu. Pro Zodiac war einer der Guides dabei, wir hatten die Gletscherspezialistin erwischt. Mit dem Schlauchboot fuhren wir auf eine vergletscherte Insel (Dog Island) zu, auf der wir Adelie-Pinguine, einen Seebären und wunderschöne Gletscherformationen erkennen konnten. Zum Abschluss tauchte auch noch ein Wal in nächster Nähe auf. Besser hätte der Abend nicht enden können oder doch?










Auf der Rückfahrt zum Schiff fuhren wir dem Sonnenuntergang entgegen, also das war schon fast Kitsch pur. Aber einfach so unglaublich schön, diese Momente sind einfach für die Ewigkeit.



Heute Abend habe ich so zu Alex gemeint, ob er mich nicht hier lassen wolle. Dieser Kontinent bringt schon sehr viel Magie, zumindest für mich, mit sich.



Zum Abendessen gab es Spinatkuchen, Tofucurry mit Reis und Wackelpudding. Der halbe Spinatkuchen wanderte zu Alex, das Tofucurry war ganz okay, der Wackelpudding wurde gegen Obst eingetauscht.




Nach dem Essen erfuhren wir noch den Plan für den nächsten Tag. Ziel war eine Zodiac Fahrt gegen 9:00 Uhr in Flanders Bay und wieder ein kontinentales Landing am Neko Harbour, wo wir wieder auf eine Pinguin-Kolonie treffen würden. Da es heute echt schon spät war, wurde die angekündigte Talentshow auf morgen verschoben. Ich bin echt schon gespannt, ob mir der morgige Tag wieder den Atem rauben wird.




